Christa Naaß und Benno Stanka bei der EröffnungRede zur Eröffnung der Ausstellung in Weißenburg:
Sehr geehrter Herr Stanka, Herr Kunz,
Herr Oberbürgermeister,
Herr Landrat,
sehr geehrte Damen und Herren,
als vertriebenenpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion bin ich dankbar, dass der Heimatkreis Kaaden-Duppau die Ausstellung „Tragische Erinnerungsorte“ nach Weißenburg geholt hat.
Und ich freue mich, dass es eine Ausstellung ist, die die tschechische Bürgerinitiative Antikomplex auf die Beine gestellt hat.
Nicht umsonst wurde Antikomplex beim Vertriebenenempfang meiner Fraktion im vergangenen Jahr ausgezeichnet und ich durfte den Gründer und Geschäftsführer Ondrey Matejka begrüßen, der extra aus Prag angereist war.
Wir haben Antikomplex ausgezeichnet für „ihr vorbildliches Engagement für die Aufarbeitung der deutsch-tschechischen Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien und die weitere Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen“.
Der Name Antikomplex macht ja deutlich um was es geht – um die „Komplexe“ in der tschechischen Gesellschaft, die durch eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit entstanden sind, man kann es auch als Trauma bezeichnen. Antikomplex hat es sich als Ziel gesetzt, diese Komplexe zu beseitigen.
Mit ihrer Arbeit tragen sie bereits seit 1998 zur Aufarbeitung der gemeinsamen Geschichte bei und haben mitgeholfen, dass die Vertreibung aus dem Sudetenland und die Geschichte der Deutschen in den dortigen Dörfern und Städten nicht länger tabuisiert, sondern auch in Tschechien reflektiert und diskutiert werden.
Zwei Projekte von Antikomplex sind besonders erwähnenswert:
1. Das Ausstellungsprojekt und der daraus hervorgegangene zweisprachige Band „Das verschwundene Sudetenland“. Eine faszinierende, berührende und manchmal auch wehmütig und traurig stimmende fotografische Gegenüberstellung der Dörfer einst und jetzt.
2. Die nach einer fast zweijährigen Spurensuche von Gymnasiasten entstandene Wanderausstellung „Tragische Erinnerungsorte“, die wir heute in Weißenburg eröffnen dürfen, zu der ebenfalls ein zweisprachiges Buch über die Geschichte der sudetendeutschen Heimatorte zwischen 1938 und 1945 erschienen ist.
Zwei Beispiele für eine nach vorwärts gerichtete Erinnerungskultur. Und ein Beweis dafür, dass in der Mitte Europas das Trennende verschwindet, nicht weil die Erinnerung verblasst, sondern im Gegenteil, gerade wegen der wahrhaftigen und gemeinsamen Erinnerung an unsere gemeinsame tragische Geschichte.
Das besondere an der Ausstellung und dem Buch ist, dass sie sich auf die Zusammenarbeit mit Schülern stützt und hoffentlich auch deshalb viele Schülerinnen und Schüler ansprechen wird. 80 Schülerinnen und Schüler von 4 nordböhmischen Gymnasien haben über zwei Jahre lang an diesem Projekt teilgenommen.
Es geht dabei um Orte, die durch den Zweiten Weltkrieg geprägt oder auch geschädigt worden sind – geschädigt auch in dem Sinne, dass die Beziehungen der deutschen und tschechischen Bevölkerung nachhaltig gestört und zerstört wurden.
Die Schüler haben rekonstruiert, was sich zwischen 1938 und 1945 in Nordböhmen abspielte. Sie haben dabei die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen als auch die Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus der Region beleuchtet. Damit ist den Schülerinnen und Schülern mit Unterstützung von Antikomplex und dem Collegium Bohemicum eine eindrucksvolle Darstellung eines Ausschnitts der deutsch-tschechischen Geschichte gelungen.
Mit dieser Ausstellung werden weitere Brücken gebaut, zwischen den Regionen, zwischen den Völkern und zwischen den Generationen und es entstand ein neuer Blick auf die deutsch-tschechische Geschichte.
Ein Blick von jungen Leuten, die nicht mehr durch die Vergangenheit belastet sind, aber wissen wollen, was war – denn auch diese Geschichte gehört zur eigenen Identität.
Dazu gehört das Wissen um den 23. März 1933, als vor 80 Jahren mit dem Ermächtigungsgesetz die Demokratie abgeschafft wurde.
Wir alle erinnern uns an die Rede von Otto Wels, als er begründete warum die Sozialdemokraten, leider waren es die einzigen, diesem Gesetz nicht zustimmten: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“. Was danach kam, wissen wir alle.
Und dazu gehört auch das Wissen um das Jahr 1938, vor 75 Jahren, mit der Besetzung Österreichs, dem Münchner Abkommen, der Besetzung des Sudetenlandes, der Reichspogromnacht vom 09. November - 6 Jahre lang Krieg, Verfolgung, Ermordung, Vertreibung.
Ich zitiere abschließend Volkmar Gabert, der nach England emigrieren musste, um zu überleben:
„Jedes Volk muss sich zu seiner ganzen Geschichte bekennen. Das deutsche Volk zu den Verbrechen des Nationalsozialismus und das tschechische Volk zu den unmenschlichen Vertreibungen. Nur wenn auf dieser Basis miteinander geredet wird, sind gemeinsame Vorstellungen für die Zukunft möglich. Eine dauerhafte freundschaftliche Entwicklung kann nur auf Wahrheit und gegenseitiger Achtung aufgebaut werden“.
Diese Ausstellung kann dazu beitragen.